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Vorwort 2010

Lesungen machen Literatur öffentlich. Die Autorin, die eine Geschichte verfasst, und der Leser, der bei der Lektüre in seinem Kopf die Geschichte entstehen lässt, treffen sich normalerweise nicht. Ihre Tätigkeiten verlaufen zeitlich und örtlich getrennt über das Medium Buch. Öffentliche Lesungen schaffen eine Live-Situation. In den Köpfen der Zuhörerinnen und Zuhörer entstehen gleichzeitig viele Varianten und Facetten der einen, von der Schriftstellerin oder dem Schriftsteller vorgetragenen Geschichte.

Geschichten lassen sich nicht losgelöst vom Leben erzählen. Sie bieten eine Perspektive auf die Wirklichkeit, stellen Reaktionen dar, zeigen Defizite auf, entwerfen Utopien. Die Geschichten stehen aber immer in einem Bezug zum biografischen Hintergrund der Schreibenden oder der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie können sich diesen Einflüssen nicht entziehen. Selbst da, wo dies versucht wird, sind die Verbergungsabsichten meist erkennbar. Die Literatur spiegelt so die Befindlichkeit der Gesellschaft, in der sie entsteht, sie ist gleichsam eine spezielle Art der Geschichtsschreibung.

So erzählt beispielsweise Lukas Hartmann in seinem letzten Roman «Bis ans Ende der Meere» nicht nur die Geschichte der Südsee-Reise eines jungen Malers im 18. Jahrhundert, er berichtet zugleich über eine Urform der globalen Vernetzung. Olga Flors Geschichte «Kollateralschaden» zeigt andererseits in ihren Szenen aus einem Supermarkt, was die Globalisierung angerichtet hat. Biografien, historische Begebenheiten oder persönliche Betroffenheit sind zentrale Schreibanlässe, aus ihnen entstehen Geschichten, deren subjektive Perspektive erwünscht ist und die sich dadurch vom Streben der Historiker nach einer objektiven Geschichtsschreibung unterscheiden.

Die vielfältigen Beziehungen zwischen Geschichte und Geschichten sind denn auch das Thema des Podiumsgesprächs an den Brugger Literaturtagen 2010. Wir freuen uns auf interessante Geschichten, vielschichtige Diskussionen und anregende Begegnungen mit neuen Einsichten und Aussichten.

Daniel Moser, Stadtammann